Geschichte ist kein Museum. Sie ist ein Laboratorium.
Slawist. Reisender. Geschichtensammler. Geboren 1984 in Schladming, aufgewachsen zwischen Bergen und Bergen von Büchern. Seit vielen Jahren schreibt er Geschichten, die Geschichte erzählen. Seine Erzählungen verbinden fast immer zwei große Wahrnehmungen, zwei Welten, zwei Zeiten. Die Grenze verläuft mitten im Satz. Und alles ist wahr. Für irgendwen.
Ein gescheiterter Jurist und angehender Schriftsteller entflieht 1912 dem turbulenten Stadtleben in Lemberg in die Abgeschiedenheit eines gemütlichen Kurorts in den Karpaten, um dort Inspiration zu finden. Doch was als idyllischer Rückzug beginnt, entwickelt sich zu einem Albtraum aus kollektivem Schweigen und unheimlichen Begebenheiten.
Ein verfluchter Ort. Ein uraltes Schweigen. Und eine Wahrheit, die tiefer liegt als jede Schlacht.
Sinwitz, Frühjahr 1912. Der gescheiterte Jurist Leopold Stanislaus flieht vor dem Lärm der Großstadt und seinen eigenen Dämonen in einen abgelegenen Kurort in den Karpaten. Er sucht Ruhe, um endlich zu schreiben. Doch die Stille hier ist anders. Sie ist schwer, lauernd und voller ungesagter Wörter.
Die Bewohner von Sinwitz sind höflich, doch ihre Freundlichkeit wirkt wie eine Fassade. Sobald bestimmte Namen fallen, verstummen sie. Besonders der Name Caltwasser. Ein Ort, der auf keiner Karte verzeichnet ist, von dem aber jeder zu wissen scheint. Ein Tal, in dem der Nebel niemals weicht und in dem nachts seltsame Lichter tanzen.
Als Stanislaus Freundschaft mit dem hiesigen Zimmermann Anton Fürth schließt, bemerkt er, wie eine unsichtbare Kraft langsam von seinem Freund Besitz ergreift. Anton verändert sich. Sein Blick wird leer, seine Worte kalt. Getrieben von Sorge und schriftstellerischer Neugier beginnt Stanislaus, in der Vergangenheit des Ortes zu graben. Doch je tiefer er in die Geschichte von Sinwitz eindringt, desto deutlicher wird ihm: Manche Türen sollte man nicht öffnen. Manche Geheimnisse wurden nicht zum Schutz der Lebenden begraben, sondern um etwas anderes einzusperren.
Caltwasser ist eine literarische Novelle im Geiste der Wiener Moderne. Verwoben mit Elementen des psychologischen Horrors und angelehnt an die großen Meister der Schauerliteratur, erzählt Reas Andas eine Geschichte über die Macht der Vergangenheit und die zerstörerische Kraft des kollektiven Schweigens. Es ist eine Reise in ein Tal, in dem die Zeit stillzustehen scheint und in dem die Sünden der Väter unerbittlich auf die Kinder warten.
Aus dem Werk
„Als Kind der Stadt war ich allerlei Getümmel während der Nacht gewohnt, doch wurde mir bewusst, dass mir eine absolute Abwesenheit von Geräuschen gänzlich unbekannt war. Nur schwerlich wurde ich meiner Unruhe Herr, bis ich mich schließlich mit aller Gewalt in den Schlaf zwang."
„Die Dunkelheit hier war anders als in der Stadt; sie war alt, urtümlich und voller feindseliger Absicht."
„Seit heute weiß ich, dass wahrlich etwas Böses in uns allen steckt."
Über das Werk
Verfügbare Formate: Kindle, Taschenbuch, Hardcover
Der Erste Weltkrieg hat Europa verheert. Überall in der jungen polnischen Republik soll neue Ordnung entstehen, auch in den vergessenen Gebirgstälern der Karpaten.
Eine junge Lehrerin. Ein Tal, das auf niemanden gewartet hat. Und eine Stille, die spricht.
Zofia kommt mit zwei Koffern und dem Alphabet an. Das Dorf bleibt zurückhaltend. Die Winter sind lang, die Einsamkeit länger. Doch allmählich öffnen sich die Menschen, und Zofia lernt jemanden kennen.
Dann die kleinen Dinge. Ein Geruch, der alles erfüllt. Details, die nicht mit ihrer Erinnerung übereinstimmen. Zofia sucht nach Erklärungen – Einsamkeit, Übermüdung, Heimweh. Bis sie an dem zweifelt, der ihr immer als sicherster Anker diente: ihrem Verstand.
Bruchspiel ist eine Novelle über jemanden, der einer Ordnung dient, die es an einem Ort wie diesem nie gegeben hat – und über die Frage, wie lange man einem Augenzeugen trauen kann, wenn man es selbst ist.
Wie frisch polierte Spiegel glänzen die Backsteine im Lichte der Straßenlaternen, wenn sie vom Regen nass sind, dachte er sich, während er sich vergewisserte, ob er heute seine festen Schuhe trug, wie es viele Männer tun, wenn sie im Laufe des Tages vergessen, welche Kleidungstücke sie tragen. Er sah nach seinen Füßen und freute sich, wohl meinend, sich in weiser Voraussicht so gekleidet zu haben.
Das Wasser erkämpfte sich seinen Weg zwischen den Backsteinen, bis es endlich in einer der vielen Pfützen, die schon zu kleinen Seen geworden waren, mündete. Indem er sich diesem Schauspiel widmete, vergaß er, was er eigentlich tun wollte und war glücklich darüber. In jener Stadt, die ihm die Welt bedeutete. Wie er sie liebte! Trotz des Regens, oder gerade wegen des Regens.
Die Stadt hatte etwas Tragisch-Schönes und etwas Wehmütig-Verführerisches an sich. Als Melancholiker war man hier sicher gut aufgehoben. Die einbrechende Dunkelheit entsättigte nach und nach die Farben, bis sie nur noch in seiner Erinnerung existierten. Schwarz-weiß steht ihr ohnehin am besten, murmelte er.
Er war so mit seinen Gedanken beschäftigt, dass er erst jetzt bemerkte, dass er alleine auf der Straße war. Allein mit den Backsteinen, den Laternen und dem Regen. Gemeinsam verschmolzen sie zu einem expressionistischen Bild, wie es van Gogh nicht schöner hätte in Szene setzen können. Dieser Anblick versetzte ihm einen so starken, aber angenehmen Stich, der ihm ein paar Tränen aus den Augen drückte, die der Regen sogleich verschluckte. Das Bild, dass sich ihm offenbarte, fesselte ihn an Ort und Stelle, mitten an die Straße. In diesem Moment war er ganz allein auf dieser Welt, und es war gut so.
Langsam schob sich etwas in das perfekte Gemälde. Er konnte einen Regenschirm ausmachen und hielt die Luft an. Der Regenschirm kam näher und ein weißes Gesicht wurde darunter offenbar. Unaufhaltsam näherte sich ihm dieses Gesicht. Als er es genauer erkennen konnte, überkam ihn ein schrecklicher Schauer. Am liebsten wäre er weggelaufen, aber seine Beine waren wie festgefroren. Noch ein paar Meter, dann hat es mich! In diesem Moment war er sich sicher, dass er niemals etwas Hässlicheres gesehen hatte.
Er war sich im Klaren, dass er keine andere Wahl hatte, als über sich ergehen zu lassen, was auch immer jetzt kommen möge. Seine Angst hatte ihn in eine Starre versetzt, durch die man sie ihm nicht ansehen konnte. Das war vielleicht von Vorteil. Als das Gesicht vorbeihuschte, streichelte ihn ein eiskalter Hauch, der ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Es sah ihn an. Sah ihm direkt in die Augen. Die abgrundtiefsten Schrecken sahen direkt in ihn hinein. Er konnte nicht wegsehen, nicht widerstehen. Nachdem das Leben in seine Glieder zurückgekehrt war, wagte er es kaum, sich zu bewegen. Erleichtert stellte er fest, dass er wieder alleine war. Erleichterung war freilich nicht das rechte Wort. Es war eher ein Nachlassen der Starre, wie ein Eis, das langsam Risse bekommt, ohne zu brechen.
Er bog um die Ecke, stützte sich keuchend an einer Mauer ab, die unter seinen Fingern feucht und kalt war, als hätte die Stadt Fieber. Er schloss die Augen und versuchte, das Gesicht zu rekonstruieren, um sich selbst zu beweisen, dass es nicht nur eine Einbildung gewesen war. Doch je angestrengter er sich erinnerte, desto weniger konnte er es tatsächlich greifen. Nur das Eine blieb: die Augen. Nicht ihre Farbe. Nicht ihre Form. Sondern das, was sie ihm gesagt hatten, ohne ein Wort. Und sie hatten ihm etwas gesagt. Und er hatte es verstanden, auf eine Weise, die jenseits von Sprache lag, und er hatte es geglaubt.
Er lief durch die nassen Gassen, an der Oper vorbei, an den Kaffeehäusern, die schon geschlossen hatten. Lemberg schlief bereits, oder tat zumindest so. Die Pfützen auf dem Backsteinpflaster reflektierten die Gaslaternen, und jedes Mal, wenn er hinabblickte, tat er es schnell wieder, denn er hatte den unbegründeten, aber hartnäckigen Verdacht, dass die Spiegelungen nicht stimmten. Nicht, dass er etwas gesehen hätte – im Gegenteil. Die Bilder waren zu scharf, zu klar. Als ob das Wasser nicht die Stadt spiegelte, sondern sich an etwas anderes erinnerte.
In seiner Wohnung angelangt stolperte er die Treppe hinauf, sank auf sein Bett, ohne sich die nassen Sachen auszuziehen. Sein Blick fiel auf das Manuskript, das auf dem Schreibtisch lag, halbfertig, seit Wochen halbfertig. Drei Kurzgeschichten hatte er veröffentlicht. Sein Verleger hatte ihm eine große Zukunft vorausgesagt. Und was hatte er daraus gemacht? Seit Wochen trank er, prahlte und prasste bei den Damen und Dirnen, als wäre er ein Mann von zwanzig, der glaubt, die Welt sei ein Souper, das nur darauf wartet, verspeist zu werden.
Da lag er nun, durchnässt und zitternd, und dachte an das Gesicht im Regen. Schließlich schlief er ein, ohne es zu wollen, und träumte von einer Stadt im Regen, in der alle Gesichter leer waren, und von einem Mann, der durch die Gassen lief und händeringend die Seinen suchte, doch jeder, den er ansprach, wandte sich ab, und langsam merkte der Mann, dass er nicht die Seinen suchte, sondern sich selbst, und dass er er selbst schon lange nicht mehr war.
Am Morgen erwachte er mit einem Entschluss, der so klar war wie das Licht, das durch die Vorhänge brach und den neuen Tag einläutete. Der Entschluss war nicht neu – der Same dazu war Monate zuvor in ihm gesät worden, nachdem der Vater gestorben war und die Gelder schmolzen und der Verleger ihm gesagt hatte, er solle sich eine ruhige Stätte suchen, um das zu werden, was er zu sein vorgab. Aber erst in dieser Nacht war der Same aufgegangen. Denn erst in dieser Nacht hatte er verstanden, dass Lemberg ihn nicht losließ, weil er es nicht losließ. Die Stadt war wie eine Geliebte, der man nicht entkommt, nicht weil sie einen festhält, sondern weil man nicht gehen will. Und er wollte nicht gehen. Er hatte nie gehen wollen.
Bis jetzt.
Er erhob sich, legte die nassen Kleider ab und setzte sich an den Schreibtisch. Unter das unfertige Manuskript schrieb er, mit entschlossener Hand:
Es war im Frühjahr 1912, da ich mich ausgelaugt vom tollen Treiben der Großstadt nach einem Rückzugsort sehnte.
Dann stand er auf, holte seine Koffer aus dem Schrank und begann zu packen.
Unsicher lächelnd und mit bebender Stimme flüsterte Ludvik seiner Geliebten, die im Schneidersitz neben ihm saß, ein Kompliment zu. Sie schenkte ihm ihrerseits ein dankbares Lächeln zurück und nahm entschlossen seine Hand. Als er merkte, dass die ihre kalt wie Stein war, umschlang er sie zitternd und versuchte sie zu wärmen, indem er sie näher an seine Brust zog. Innerlich jauchzend über die ersehnte Nähe blickte er auf, bis er ihren heißen Atem auf seinen Lippen spürte. Der Schein des Feuers ließ ihre Augen unwirklich erscheinen, wie Bernsteine, wenn man sie gegen die Sonne hält. Der Mond wachte still über die beiden und fiel unendlich schön auf den einsamen, von dunklen Wäldern umgebenen See.
Emma genoss die Aufmerksamkeit des schüchternen Jungen. Sie erinnerte sich daran, wie er des Öfteren still und leise unter immer demselben Baum saß, versunken in die Lektüre eines spannenden Romans. Eines Tages fasste Emma sich ein Herz, nahm ebenfalls ein Buch in die Hand und setzte sich zu Ludvik. Schüchtern schaute er von seinem Roman auf, nur um seinen Blick gleich darauf beschämt wieder in die Zeilen zu versenken, als hätte er sie durch seine Aufmerksamkeit gestört. So saßen sie stumm nebeneinander und lasen, ohne ein Wort miteinander zu wechseln. Nach mehrmaliger Wiederholung dieses Rituals stellte sich zwischen den beiden eine gewisse Vertrautheit ein, ein Gefühl, den anderen seit Ewigkeiten zu kennen. Und so begannen sie miteinander zu sprechen.
Die Nacht zog den Tag bereits in ihre feste Umarmung. Oft hatte Emma Angst in der Dunkelheit, doch fühlte sie sich geborgen in den starken Armen ihres Verehrers, der sie mit Gedichten und schönen Worten bei Laune zu halten bemühte. Immer wieder verhedderten sich ihre Blicke. Stille. Ehe sie sichs versahen, färbte der Mond den Horizont blau, die Dämmerung die Wälder schwarz.
Plötzlich zerbrach die Stille ein schriller Schrei. Emmas Herz stockte, pochte dann wild, sodass Ludvik es hören konnte. Durch ihren Schrecken seltsam bestärkt, bewahrte er völlige Ruhe und äußerte entspannt die Vermutung, dass es sich beim Verursacher dieser Geräusche wohl um einen Vogel handle, wodurch er Emma ein Stück ihrer Angst nehmen konnte.
Als er ein brennendes Stück Holz aus dem Feuer nahm und sich langsam in jene Richtung begab, aus der er die Laute zu vernehmen glaubte, kehrte das Grauen auch in seine Knochen ein. „Lass mich doch nicht alleine hier sitzen“, flehte Emma, doch der Junge hörte sie schon nicht mehr. Erkennend, dass all ihr Flehen vergebens war, sah sie ihm lange nach, bis der Wald ihn verschluckt hatte.
Mehrmals drehte Ludvik sich um, um sich an dem Anblick von Emmas Silhouette neben dem Feuer zu beruhigen. Er hatte sich dazu entschlossen, ihr den Helden zu spielen, eine Rückkehr ohne Erfolg war nunmehr ohne Blamage nicht möglich. Nachdem er in einem Halbkreis das anliegende Gebiet um die Feuerstelle abgegangen war und keinerlei Gefahr verorten hatte können, begab sich der junge Mann schnurstracks, doch im Bestreben sich keine Hast anmerken zu lassen, zurück ans Ufer. Triumphierend schaute er durch die Flammen, wo er die Gestalt seiner Geliebten zu erblicken erwartete. Wo bist du denn, mein Herz?
Unter der Annahme, seine Auserwählte erlaube sich einen Scherz, und dass sie nach einigen Augenblicken aus der Dunkelheit auftauchen würde, um ihn zu entsetzen und dadurch seinen Heroismus jäh zunichtezumachen, behielt er seine Fassung, jederzeit dazu bereit, sich im richtigen Moment umzudrehen und sie in die Arme zu fangen. Komm heraus, mein Liebes, wo immer du auch bist!
Ja, so war das damals, vor zwanzig Jahren. Niemals hatte er erfahren, was in jener Nacht wirklich geschehen war. Erklärungsnot bei den Eltern des Mädchens, eine großangelegte Suchaktion, ohne Erfolg. Dem Entsetzen wich die Trauer, der Trauer die Verzweiflung, die Verzweiflung der Hilflosigkeit, die Hilflosigkeit der Resignation. Emmas Eltern hatten den Verlust ihrer Tochter nie überwunden, und obwohl sie es niemals gesagt hatten, wusste Ludvik, dass sie ihn dafür verantwortlich machten. Sie alterten schnell, als würden sie dem Tod entgegenrennen, um den nunmehr für sie so elenden Leben zu entfliehen. Außer ihnen, die selten noch vor die Tür gingen, konnte sich kaum noch jemand an das entzückende, liebevolle Mädchen erinnern.
Nach vielen Jahren in der Fremde zog es Ludvik zurück an den Ort des Geschehens. Er wusste selbst nicht, warum. Mit einem mulmigen Gefühl setzte er sich an dieselbe Stelle, wo sie damals in vollkommener Zweisamkeit miteinander verschmolzen waren, und dachte daran, wie anders sein Leben verlaufen wäre, wäre er doch einfach bei ihr geblieben. Der See lag still vor ihm, als hätte er seit zwanzig Jahren auf nichts gewartet als auf ihn. Er blickte auf das Wasser. Kein Wind regte sich, und die Oberfläche war vollkommen glatt, wie schwarzes Glas. In ihr sah er den Himmel, die Bäume, das Sternenlicht — und ein Gesicht. Nicht seines. Nicht Emmas. Eines, das er nicht kannte und das ihn doch anblickte, als kennte es ihn seit jeher.
Er blinzelte. Das Gesicht war fort. Nur sein eigenes Spiegelbild blieb, aber es sah jünger aus, als das, an das er sich erinnerte, und für einen flüchtigen Augenblick wusste er nicht, ob er der war, der ins Wasser blickte, oder der, der aus ihm heraufblickte. Er schloss die Augen, und als er sie wieder öffnete, war es Nacht. Das Feuer brannte. Und Emma saß neben ihm, im Schneidersitz, mit kalten Händen und bernsteinfarbenen Augen. Sie lächelte.
Er wollte ihre Hand berühren, doch griff er ins Leere. Da hörte er den Schrei. Diesmal rannte er nicht davon. Diesmal blieb er sitzen und starrte in die Flammen, bis sie erloschen waren, starrte in die Glut, und als die Morgendämmerung kam, saß er immer noch dort.
Ein Fischer, der ihn fand, sagte später, der Mann sei gesessen wie einer, der auf jemanden wartet.
Man brachte ihn in die Stadt. Ein Bursche mit rotem Mondgesicht erkannte in dem Mann mit den leeren Augen etwas, das er selbst einmal in den Augen eines anderen gesehen hatte — dort oben, im Tal, als der Nebel sich hob. Er kannte diesen Blick. Er sah ihn jeden Morgen im Spiegel.
Er brachte dem Mann einen Tee und lächelte höflich, wie man es in Sinwitz tat, wenn man etwas wusste, das man nicht sagen durfte.
In den letzten Tagen hat es in Kaschau endlich geschneit. Staubzuckergleich sind die Gebäude und die Bäume in der Altstadt in weiße Einheitstracht gekleidet, so schön, erhaben, dass es wehtut. Die Träne, die mir dieses Gefühl physisch bewusst macht, ertränke ich schnell mit meinem Handschuh, bevor der kalte Wind sie in seine eisige Umarmung nehmen kann. Dass ich meine Finger gar nicht spüre, spüre ich gar nicht. Mit aller Kraft kämpfe ich mich durch die menschenleeren, schneebedeckten Straßen, die nicht geräumt worden sind, denn niemand ist hier auf diese Schneemassen vorbereitet. Fast schade, den weißen Teppich mit meinen Fußspuren zu entweihen.
Der Stadt ist das natürlich egal. Ringsherum schauen mir die altehrwürdigen Gebäude dabei zu, wie ich mich zwischen ihnen hindurchmühe, und mir scheint, als würde eines davon besonders schmunzeln, weil ich seltsam und komisch aussehe und nicht in dieses bezaubernde Gemälde passe, aber irgendwie doch passe.
Aus den Kaminen steigt Rauch auf, der sich über die Dächer legt wie ein grauer Schleier und den Himmel noch dunkler macht, als er ohnehin schon ist. In den Gassen riecht es nach Kohle, nach Lehm, nach Öl und nach etwas, das ich nicht benennen kann — etwas Altem, das aus den Mauern sickert, als erinnerten sich die Steine an etwas, das vor mir hier war und das sie nicht vergessen haben. Die Laternen sind noch nicht entzündet, und die Dämmerung fällt so schnell, dass ich es kaum wahrnehme.
Ich biege ab in die Hafnergasse. Hier wohnen seit Jahrhunderten die Zünfte. Die Schuster, die Schneider, die Schmiede, die Töpfer — ihre Werkzeuge hängen noch in den Fenstern, manche rostig, manche blank geputzt. Im Vorbeigehen lese ich die Schilder: Meister Johann, Töpfer Heinrich, Seilermeister.
Die Gasse ist so eng, dass die Dächer sich fast berühren, und der Schnee, der hierherfällt, scheint anderer Art als der auf dem Marktplatz. Er fällt langsamer, dichter, als hätte er es nicht eilig, unten anzukommen. Ich gehe, und meine Schritte klingen dumpf, als würde der Schnee sie schlucken, bevor sie erklingen können. Zwischen den Häusern ist es dunkel geworden, und ich kann das Ende der Gasse nicht sehen. Der Schnee fällt so dicht, dass alles jenseits von zehn Schritt verschwindet, als würde die Gasse sich vor mir aufbauen, Schritt für Schritt, und hinter mir zusammenfallen.
Ich gehe schneller. Nicht aus Angst — wenigstens sage ich mir das. Es ist die Kälte, die mich antreibt, und die Dunkelheit, und der Schnee, der mir ins Gesicht weht. Und doch: zwischen meinem Atem und meinen Schritten scheint ein dritter Laut zu sein, den ich nicht ausmachen kann. Ich gehe weiter.
Ich halte inne. Stille. Nichts. Nur mein Atem, der vor mir hängt wie Watte.
Ich gehe weiter. Ich bleibe stehen. Ich drehe mich um, langsam, die Knie steif, und blicke zurück.
Was ich sehe, lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Ich sehe Fußspuren, ich sehe zwei Reihen Fußspuren. Von hier soweit mich der Schnee zurückblicken lässt.
Die zweite Reihe endet genau hier. Neben mir.